Wrackwert – Wrackbörse

Die Ermittlung des Wrackwertes ist nicht berechenbar.
Steigende Wrackpreise führen zu Auftragsverlusten für Werkstätten.

Herr X wird mit seinem PKW in einen Unfall verwickelt. Die Alleinschuld am Zustandekommen dieses Unfalles trifft den gegnerischen Fahrzeuglenker. Am PKW des Herrn X entsteht ein erheblicher Sachschaden, den er von der gegnerischen Haftpflichtversicherung ersetzt haben möchte. Der von der Haftpflichtversicherung beigezogene Sachverständige bewertet die Reparaturkosten zur Schadensbehebung mit EUR 5.500 und den Wiederbeschaffungswert (auch als Zeitwert bezeichnet) mit EUR 3.000.
Im vorliegenden Fall liegt ein wirtschaftlicher Totalschaden vor, weil die Reparaturkosten den Wiederbeschaffungswert übersteigen. Herr X hat im Rahmen der Haftpflichtversicherung nur Anspruch auf Ersatz des Wiederbeschaffungswertes, von dem noch der Restwert des Fahrzeuges (Wrackwert) abzuziehen ist.
Zur Veranschaulichung: Der Wiederbeschaffungswert ist derjenige Betrag, den ein Geschädigter aufwenden muss, um auf dem Gebrauchtwagenmarkt ein dem beschädigten alters-, ausstattungs- und zustandsmäßig entsprechendes Fahrzeug zu erwerben. Im Rahmen der Haftpflichtversicherung liegt ein Totalschaden vor, wenn die voraussichtlichen Reparaturkosten den Wiederbeschaffungswert um 15 Prozent übersteigen. Bei der Kaskoversicherung liegt bereits ein Totalschaden vor, wenn die voraussichtlichen Reparaturkosten zuzüglich Restwert den Wiederbeschaffungswert übersteigen.
Früher wurde der Restwert von einem Sachverständigen geschätzt. Seit geraumer Zeit sind die Versicherungen (Haftpflicht- und Kaskoversicherungen) berechtigt, dass Wrack in einer Internet-Wrackbörse anzubieten. Die so ermittelten Wrackpreise sind nicht berechenbar bzw. nachvollziehbar und führen zu einer Verschleierung des tatsächlichen Wertes. Der Geschädigte wird bei seiner Entscheidung, das Fahrzeug reparieren zu lassen, beeinflusst.

 

Wenn in der Internet-Wrackbörse der beschädigte PKW des Herrn X „großes Interesse“ findet und für das beschädigte Fahrzeug (nunmehr Wrack) der Betrag von EUR 1.800,-- geboten wird, dann bekommt Herr X von der gegnerischen Haftpflichtversicherung „nur“ EUR 1.200,-- (Wiederbeschaffungswert minus Wrackwert) ersetzt. Wenn sich Herr X trotz des wirtschaftlichen Totalschadens dazu entschließt,  seinen beschädigten PKW zu behalten und einen Reparaturauftrag zu erteilen, dann müsste er für die Reparaturkosten selbst aufkommen (ihm werden lediglich EUR 1.200,-- ersetzt). In diesem Fall wird sich Herr X wohl oder übel überlegen müssen, ob er nicht doch den beschädigten PKW an einen Wrackhändler verkauft.
Die Wrackbörse ist aus rechtlicher Sicht bedenklich, da ohne eine Zustimmung des Geschädigten Daten weitergegeben werden (Verletzung des Datenschutzes) und bereits einige Fälle aufgetreten sind, bei denen Wrackhändler trotz Zusage (die nur gegenüber der Versicherung – und nicht gegenüber dem Geschädigten! – abgegeben wird), das Wrack um einem bestimmten Betrag zu kaufen, mit dem Geschädigten einen niedrigeren Betrag „ausverhandeln“ wollten.
Zu beachten ist auch, dass Vorleistungen von Werkstätten über die Wrackbörse nicht abgegolten werden. Zu nennen sind insbesondere Stellkosten für das beschädigte Fahrzeug, die in aller Regel vom Geschädigten zu tragen sind.

Die Entscheidung an wen das Wrack veräußert wird, verbleibt zwar beim Geschädigten (bzw. der Leasingfirma). Der aber durch die Internet-Wrackbörse erzielte Wrackwert bleibt für die gegnerische Haftpflichtversicherung bzw. Kaskoversicherung relevant.

Rechtsanwalt Mag. Erik Focke ist Autor für verschiedene Fachzeitschriften. Dieser Beitrag ist veröffentlicht in AUTOSERVICE (Nr. 9/2006) - ein Magazin von Springer Business Media Austria.